Handschrift des Monats März 2022: Mehr Schriftauslegung als Worterklärung – Ein „Vocabularius brevilogus“ im alten Stil aus Hohenbusch (Cod. 1007)

01.03.22, 00:01
  • Handschrift des Monats Aktuelles

Auch lateinische Wörterbücher unterliegen Moden: Die sprachwissenschaftliche Methode kam mit dem Humanismus, doch das Mittelalter vertraute noch ganz auf allegorisch-geistliche Erklärungen.

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Das Kreuzherrenkloster Hohenbusch bei Erkelenz, 1302 gegründet und 1802 aufgehoben, war bereits im Juli 2021 Thema dieser Kolumne (vgl. https://dombibliothek-koeln.de/Nachrichten/Handschrift-des-Monats-Juli-2021-Ueber-das-Seelenkloster-in-einer-Handschrift-aus-Hohenbusch-Cod.-1008/). Im 15. Jahrhundert war das Haus – wie der gesamte Kreuzherrenorden – stark von der „Devotio moderna“ beeinflusst, einer geistlichen Erneuerungsbewegung, die auf eine betrachtende, innerliche Frömmigkeit setzte. Erst gegen Ende dieses Jahrhunderts wandte man sich in Hohenbusch dem Humanismus zu – was vielleicht auch dem letzten Sekretär des Nikolaus von Kues zu verdanken war: Peter Wymar stammte aus Erkelenz, erhielt in Hohenbusch wohl Lateinunterricht und hielt zeitlebens Kontakt zu den Kreuzherren. (Cod. 1007, fol. 1r)

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Als Kennzeichen des Humanismus gilt die hohe Wertschätzung der antiken Kultur, ihrer Philosophie und ihrer Literatur. Die Rhetorik antiker Schriftsteller wurde zum Vorbild für einen geschliffenen Umgang mit der lateinischen Sprache, der sich bewusst vom verderbten Alltagslatein des Mittelalters absetzte. Als Hilfsmittel hierzu wurden Wörterbücher benötigt – so etwa der bekannte „Vocabularius breviloquus“ des Pforzheimer Humanisten Johannes Reuchlin, der erstmals 1478 in Basel gedruckt wurde. Er verzeichnet nicht nur den Wortschatz antiker Literaten und der (lateinischen) Bibel, sondern enthält auch speziell in der Jurisprudenz gebrauchte Wörter. (Cod. 1007, fol. 22r)

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Der handschriftlich kopierte „Vocabularius brevilogus“ Cod. 1007 aus Hohenbusch diente noch nicht solchen philologischen Zwecken, obwohl man ihn früher Reuchlin zuschrieb. Doch handelt es sich bei ihm um ein Wörterbuch im alten Stil – eine Art Glossar, das Erklärungen für seltene und ungewohnte Wörter insbesondere der Bibel gibt. Dabei steht kaum deren etymologisch-wissenschaftliche Erklärung im Vordergrund. Vielmehr leitet die litterale Erläuterung des Wortsinns meist zu einem allegorisch-geistlichen Verständnis über. Das Wörterbuch ist daher vor allem als Hilfsmittel für Kleriker bei der Lektüre der Heiligen Schrift und ihrer Auslegung zu verstehen. Das von Reuchlin eingeführte Vokabular der lateinischen Rechtssprache fehlt dagegen vollständig. (Cod. 1007, fol. 58v)

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Im Kolophon am Ende des Vokabulars, vor Beginn einer alphabetischen Liste der behandelten Lemmata (fol. 189r), nennt sich ein Petrus de Goch als Schreiber und gibt den 5. Dezember 1472 als Datum der Fertigstellung an. Als Konventuale von Hohenbusch ist Petrus allerdings nicht greifbar. Als Schrift verwendet er eine gleichmäßige, wenn auch stark gekürzte und an Schleifen reiche, kurrent geschriebene Cursiva. Das Wortmaterial ist strikt alphabetisch geordnet; die einzelnen Lemmata sind durch rote Lombarden und Unterstreichungen hervorgehoben. Die in vergleichbaren Werken übliche Gliederung des Materials in Substantive, Verben und undeklinierbare Wörter wurde hier nicht befolgt. 

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In eigenartigem Widerspruch zur Einfachheit in Schrift und Layout dieses Wörterbuchs steht die Gestaltung der Initialbuchstaben. Die vergleichsweise riesigen Zierinitialen bestehen überwiegend aus roten oder blauen Buchstabenkörpern mit Papieraussparungen in Blatt- oder Rankenform. Häufig werden diese pflanzlichen Muster jedoch in den unterschiedlichsten Farben ausgeformt, von Gelb über Rosa zu Blau, Violett und Grün. Auf der als prachtvolle Eingangszierseite gestalteten ersten Seite bestehen die Initialen „C“ und „A“ gar vollständig aus bunt lavierten Gebilden mit reichem Blüten- und Rankenschmuck, ebenso das „I“ auf fol. 87v.

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Um alle Initialen herum sind zudem die ersten Wörter des jeweiligen Abschnitts in großer, mit schwarzer Tinte ausgeführter Textualis geschrieben, deren erster Buchstabe häufig noch als Cadelle mit entsprechendem Wechsel von Haar- und Schattenstrichen in den schnörkelartigen Verzierungen ausgeführt ist. Eine Erklärung für diesen Kontrast zwischen einfachster Schrift und luxuriöser Ausstattung in einem Codex, der nur für den Gebrauch im eigenen Konvent angefertigt wurde, sucht man hier vergebens. Es bleibt lediglich die Vermutung, dass die auffälligen Verzierungen aus Gründen der Repräsentation oder einer besonderen Wertschätzung des Inhalts angebracht wurden (fol. 105r).

Digitalisate der Handschrift Cod. 1007 und weitergehende Informationen können jederzeit über die Digitalen Sammlungen der Diözesanbibliothek abgerufen werden: https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-2391.

Abbildungen:

Cod. 1007, fol. 105r   Initialzierseite, Zierinitialen „C“ und „A“
Cod. 1007, fol. 22r  Zierinitiale „C“
Cod. 1007, fol. 58v  Zierinitiale „F“
Cod. 1007, fol. 189r  Kolophon mit Schreibervermerk und Datierung
Cod. 1007, fol. 87v  Zierinitiale „I“
Cod. 1007, fol. 105r  Zierinitiale „M“

 

 

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Herr Dr. Harald Horst
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