Handschrift des Monats Juli 2022: Kunstwerk aus dem Kerker – Das Missale des Heinrich von Zonsbeck (Cod. 1520)

01.07.22, 00:01
  • Handschrift des Monats Aktuelles

Zeitgleich mit der Verbreitung des Buchdrucks entstand in der Benediktinerabtei Groß St. Martin in Köln ein florierendes Skriptorium. Einer der Buchschreiber und -maler schuf leuchtende Kunstwerke in der Dunkelheit der Kerkerhaft.

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Wie in vielen Orden hatte auch in etlichen Benediktinerklöstern die Regeltreue im Spätmittelalter nachgelassen, gleichzeitig forderten jedoch Reformbewegungen eine Rückkehr zum geregelten geistlichen Leben ein. Die Mönche der seit dem 10. Jahrhundert bestehenden Benediktinerabtei Groß St. Martin in Köln schlossen sich im Jahr 1455 der Bursfelder Kongregation an, einer monastischen Reformbewegung, die 1446 in Bursfelde an der Weser ihren Ursprung genommen hatte. Der aus Trier stammende Abt Adam Meyer sorgte während seiner langen Amtszeit in Groß St. Martin (1454-1499) für eine Verbesserung der Klosterdisziplin sowie für wohlgeordnete finanzielle Verhältnisse (fol. 1r).

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Gemäß langer monastischer Tradition schätzte auch die Bursfelder Kongregation das Schreiben und Ausmalen von Büchern als ideale Beschäftigung für Mönche. Es verband Handarbeit mit der Meditation geistlicher Texte und trug außerdem, sofern man Auftragsarbeiten herstellte, zum Lebensunterhalt der Gemeinschaften bei. Trotz des gerade aufkommenden Buchdrucks entstand so in Groß St. Martin ein blühendes Skriptorium, aus dem etwa das im Vormonat vorgestellte Graduale Cod. 1519 (https://dombibliothek-koeln.de/Nachrichten/Handschrift-des-Monats-Juni-2022-Kein-Werk-aus-einem-Guss-Das-Graduale-fuer-Gross-St.-Martin-Cod.-1519/) hervorgegangen war. Einer der daran beteiligten Schreiber, der Mönch Heinrich von Zonsbeck, hinterließ auch im Missale Cod. 1520 den Hinweis, dass er diese Handschrift im Jahr 1501 angefertigt habe (fol. 135r).

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Der Schreiber bezeichnet sich in dieser Subskription als „Gefangenen“ (captivum), was tatsächlich seinem Status zu dieser Zeit entspricht: Der 1457 in Sonsbeck bei Xanten geborene Heinrich wuchs zunächst in Köln auf, wo er sich als Chorknabe am Dom hervortat und für die Ausbildung zum Kantor in ein Studienhaus in Deventer geschickt wurde. Dort scheint sein Lebensstil allerdings verwahrlost zu sein, was sich auch nach seinem Eintritt in Groß St. Martin um 1480 nicht dauerhaft änderte. Er sei von scharfem Verstand, aber verweichlicht und unstet, schreibt einer seiner Mitbrüder. Trotz einer großen Begabung als Schreiber wurde Heinrich demnach 1493 im Klosterkarzer inhaftiert, den er mit nur kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Lebensende 1533 nicht mehr verlassen durfte. Seiner künstlerischen Produktivität tat diese Gefangenschaft allerdings keinen Abbruch, was sich an den zahlreichen von ihm geschriebenen und ausgemalten Handschriften erkennen lässt (fol. 46r).

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Als Schrift verwendete Heinrich eine gut lesbare Hybrida formata, die sich – wie in seinem Kloster üblich – an einer Bastarda des Kölner Frühdruckers Arnold ter Hoernen orientierte. Eine solide künstlerische Ausbildung zeigt auch die Gestaltung der 97 kleineren Zierinitialen in Rot und Blau: Ihren Hintergrund und die Binnenfelder füllen gerollte Akanthusblätter oder vierblättrige Blüten mit weich umgebogenen Rändern in hellrosa Farbe und grünen Akzenten (fol. 37v). Feine rote Federzeichnungen im Fleuronnée-Stil umspielen die Initialen und laufen in einer Seitenrahmung aus. Acht größere Initialen sind sogar mit Gold belegt oder gold-blau gespalten (fol. 1r, siehe oben).

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Das Kanonbild im Missale Cod. 1520 (fol. 45av) lässt jedoch deutlich die Grenzen der Begabungen Heinrichs von Zonsbeck erkennen. Die Darstellung gilt als überraschend naiv und ließe sich nur schwer in die Kölner Buchmalerei einordnen, wenn sich Heinrich nicht als ihr Urheber offenbart hätte. Mit einiger Sicherheit nahm er das Stundenbuch Cod. 1117 und das Graduale Cod. 1519 zum Vorbild – bei beiden waren die Wandermaler des Schwarze-Augen-Meisters beteiligt, mindestens bei letzterem auch Heinrich selbst. Die plumpen Gestalten der Kreuzigungsgruppe erreichen aber bei weitem nicht die Qualität der zart gezeichneten Gesichter oder der feinen Goldverzierungen der niederländischen Künstlergruppe. Auch die Rahmung mit Streublumen und kleinen Tieren in geometrisch unterteilten Feldern erinnert an die genannten Vorbilder, ohne an deren Komplexität heranreichen zu können.

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An den Hauptteil des Missale mit Messtexten für den Jahreskreis, die Heiligenfeste und Votivmessen schließt sich auf 16 Blättern ein monastisches Rituale an (fol. 136r). Es enthält Gebete, Segnungen und Riten für die Aufnahme ins Noviziat, die Ablegung von Gelübden und andere Gelegenheiten. Die durchgehend verwendeten weiblichen Formen – die Texte sprechen also von Novizinnen und Schwestern – geben einen Hinweis auf die Verwendung des Buches: Die Frauenklöster der Bursfelder Kongregation standen immer unter der geistlichen Leitung eines Abtes. Das Missale wurde demnach für den Abt von Groß St. Martin angefertigt, in diesem Fall Heinrich von Lippe (amt. 1499-1505); dieser nutze es dann für liturgische und monastische Feiern in den Frauenkonventen, die ihm unterstellt waren. Für diese Nutzung spricht nicht zuletzt auch das handliche, reisetaugliche Format des Codex, das etwa der heutigen DIN A4 entspricht.

Digitalisate der Handschrift Cod. 1520 und weitergehende Informationen können jederzeit über die Digitalen Sammlungen der Diözesanbibliothek abgerufen werden: https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-1894.

Abbildungen:

Cod. 1520, fol. 1r   Beginn des Proprium de tempore am 1. Advent, Initiale A(d te levavi)
Cod. 1520, fol. 135r  Schreibersubskription des Heinrich von Zonsbeck, 1501
Cod. 1520, fol. 46r  Beginn des Hochgebets – Initiale T(e igitur)
Cod. 1520, fol. 37v  Ordinarium missae – Beginn des Kyriale
Cod. 1520, fol. 45av  Kanonbild – Kreuzigungsszene
Cod. 1520, fol. 136r  Beginn des Rituale – Zulassung einer Novizin zur Profess

 

 

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Herr Dr. Harald Horst
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